Otto Wanke: Moving speeds

Ein wichtiger Ausgangspunkt meines visualisierten Hörspiels war eine Intention, die visuellen Verfahren der Cut-up-Technik mit der granularen Synthese zu verknüpfen.

Die klangliche Reflexion der unstabilen visuellen Strukturen korrespondiert ebenfalls mit dem ausgewählten Textmaterial, das aus kurzen Fragmenten von William Burroughs Interviews stammt, in denen der Schriftsteller die Ansätze seiner Cut-up-Methode beschreibt. Burroughs vergleicht sein literarisches Vorgehen mit allgemeinen Charakteristiken der menschlichen Wahrnehmung. Unsere vielschichtige Umwelt besteht aus nicht geradlinig, stringent, logisch oder einfach gestrickten Prozessen, die oft überraschende Assoziationswelten entstehen lassen. Burroughs hat seine Texte auch mit dem verglichen, was das Auge während eines kurzen Stadtspazierganges sieht: „Hier wird ein Blick durch ein vorüberfahrendes Auto zerstückelt, dort sieht man, was sich in Schaufensterscheiben spiegelt, und all diese Bilder werden zerlegt (cut up) und verwoben gemäß der Bewegungen des eigenen Standpunktes.“ (Bary Miles 1994, S. 147 ff.) Ein anderer wichtiger Aspekt dieses Phänomens ist jedoch ebenfalls seine gesellschaftliche Auswirkung, die in der Zeit von Internet und sozialen Medien aktueller als je zuvor ist. Unsere „Timeline“ und Alltagsbewusstsein ist durch ein ständiges Cut-up aus Impulsen und Eindrücken bewegt. Burroughs stellt sich in seinen Schriften – beispielsweise in Electronic Revolution (1971) – warnend und prophetisch zu dieser Entwicklung.

Dabei ist ebenfalls seine Erkenntnis bemerkenswert, dass die menschliche Sprache mit der Natur des Virus zusammenhängt und dass die Worte selbst zu Viren transformiert werden können. Die Worte können quasi hinter ihrer Fassade als eine manipulative Waffe verwendet werden.

Weiters assoziierte ich die Burroughs Cut-up-Methode mit der atomistischen Betrachtung vom Klang. In diesem Sinne kann die granulare Synthese als eine Weiterentwicklung von Cut-up-Technik angesehen werden, die nun auf einer Mikroebene stattfindet.  Diese Technik zerlegt den Zeitverlauf vertikal in einzelne akustische Ereignisse. Jeder Klang kann mittels akustischer Quanten (den Gabor-Grains) analysiert und wieder rekonstruiert bzw.  neu re-assembliert werden. Die auf diesem Prinzip beruhende Granularsynthese erzeugt durch gegliedertes Abspielen oder zufällige Schichtung tausender Klangpartikel (grains) die zusammengestellten Klangobjekte. Die Verwendung von wiederholungsorientierten klanglichen Strukturen besitzt dabei eine vertiefende sowie auch modifizierte Funktion. Man beobachtet einen Prozess, welcher die Sprache mit semantischer Bedeutung nach und nach in rein sonorische Texturen verwandelt. Ein solcher Destillationsprozess spielt ebenfalls mit der visuellen Erinnerung des Publikums. Das akustische und visuelle Wechselspiel agiert als eine Art Motivik und das Publikum kann an der Konstruktion des Stückes aktiv partizipieren.

Im Vergleich zu minimalistischen Techniken verlaufen diese atomisierenden Verfahren oft nicht linear und diskret, sondern erratisch, nervös und chaotisch. In diesem Sinne bezieht sich dieses Vorgehen wiederum zu Burroughs Cut-ups sowie auch zu den Joyce’ Gedankenstrom, der im endlosen Textfluss scheinbar der linearen Zeitachse entflieht. Man kann in diesen Prozessen durchaus eine prägende Spannung zwischen prozesshaften Elementen und einer Plötzlichkeit beobachten.

Die Palette der resultierenden Klang- und Bildinseln variiert von einem Zustand zum anderen. Es entstehen Überlagerungen von rhythmischen Ebenen, dichte Felder von Gesten und daraus resultierenden Texturen, die als miteinander kommunizierende Stimmgruppen fungieren. Die Wiederholungsstrukturen wirken als Eindringen in den Klang und Bild hinein. Ein solcher Zoom-Effekt erscheint manchmal in Verbindung mit veränderten Zeitwahrnehmungen. Damit versuchte ich ebenfalls, einen virtuellen Raum zu erzeugen, in dem sich das Publikum bewegen kann. Die unterschiedlichen Arten von den schwebenden Strukturen etablieren unterschiedliche Zeitwahrnehmungen. Die zirkulären Zerstückelungs- und Repetitionsprozesse der Dekonstruktion modifizieren die Gesten oft unabhängig und sie stellen damit eine Art Polyphonie von Prozessen dar. Die resultierenden imaginären Klang- und Bildräume sehe ich wiederum im metaphorischen Zusammenhang mit der vielschichtigen menschlichen Wahrnehmung.

Biografie des Autors:

Otto Wanke wurde 1989 in Tschechien geboren. Seit 14 Jahren lebt er in Österreich. Mit 18 nahm er privaten Kompositionsunterricht, mit 19 begann er Jazzkomposition am Jazz Konservatorium in Prag zu studieren.  Als Komponist war er in dieser Periode vor allem im Bereich der Kammermusik tätig. Für größere Besetzungen schrieb er das Stück On The Horizont für Big Band und Movements für Streichorchester. In dieser Zeit spielte er auch in unterschiedlichen musikalischen Formationen als Pianist und Bassist und sammelte ebenfalls viele Studioerfahrungen.

Nach 2 Jahren in Prag zog er nach Wien, wo er klassische Komposition bei Wolfgang Liebhart, sowie mediale und elektroakustische Komposition bei Karlheinz Essl und Iris ter Schiphorst an der Musikuniversität Wien und am MUK studierte. In Wien begann er ebenfalls als Dirigent und Tonmeister tätig zu sein. Als Instrumentalist und Komponist hatte er in dieser Zeit bereits zahlreiche Konzerte in verschiedenen Ländern Europas – u.a. im Essl Museum in Klosterneuburg, Bundeskulturministerium in Wien, Reduta-Saal in Prag.

Im Jahr 2013 begann er mit dem Komponisten Bruno Liberda zu arbeiten. Unter seinem Einfluss hat er sein erstes rein elektronisches Stück Breathing Underwater für acht Lautsprecher komponiert und gewann damit den Kompositionswettbewerb Maarble in Griechenland. In Folge dieses Erfolgs mit elektronischer Musik komponierte er Stufen für Geige und Elektronik und Threads für Bassklarinette und Elektronik. Diese Stücke wurden in mehreren Ländern, darunter Spanien, Tschechien und Litauen, mit Erfolg aufgeführt. Seit dieser Zeit ist er ebenfalls als Performer in der elektronischen Musik – meistens in Kooperation mit Live-Musikern – tätig.

Sein kompositorisches Repertoire enthält inzwischen auch einen großen Anteil von Werken, die rein instrumental sind: für Solo Instrumente, Kammermusik und Orchester.

Im Jahr 2016 war er im Finale von Ö1 Wettbewerb und sein Porträt wurde im Radio Ö1 gesendet. Seine Orchesterstücke Morphen und Shimmering wurden im Radiokulturhaus ORF uraufgeführt.

Im Jahr 2017 hat er das Gustav-Mahler-Wettbewerb gewonnen. Im Rahmen von diesem Projekt hat er mit Wolfgang Mitterer, Paul Gulda und Christoph Cech an einem Oratorium zusammengearbeitet. Er gewann weitere Kompositionspreise in unterschiedlichen Ländern – wie z.B. Guinjoan in Barcelona, FIMS in Fribourg oder Sounds of matter in Wien. Er bekam ebenfalls mehrere Aufträge wie z.B. für Festival Achtbrücke in Köln, Wien Modern oder EXPAN in Klagenfurt oder Orchesterstück für Staatstheater in Cottbus.

Seit 2017 PhD Studium an der Universität für Musik in Wien (Klasse Prof. Gesine Schröder).

Seit 2018 ist er als Assistent an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien – beschäftigt am Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie.

2019 gewann er Theodor Körner Preis in der Sparte Musik und Komposition. Er erhielt diesen Preis vom Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen.

Interpreten und Ort:

  • Otto Wanke – Elektronik und Video, Wien
  • William Burroughs – kurze Sprachausschnitten aus Interviews

 

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