Daniel Smutny: Æon splinter

Æeon splinter ist das erste Werk eines neuen Zyklus’ von ePlayer-Klavierstücken mit Videoprojektionen. Der Zyklus trägt den Titel VIS-I (virtual, intertextual soundtheatre 1). Alle Stücke entstehen am Computer durch eine Montage von zuvor aufgezeichneten Samples/Einzelklängen, welche ich selbst unter der Klangassistenz und Aufnahmeleitung von Ole Jana im Spätjahr 2016 produzierte. Hierbei spielten besondere Mikrophonierungen des Klaviers und Raumklanganteile eine entscheidende ästhetische Rolle, ebenso eine Vielzahl von (Neben-)Geräuschen der Klangerzeugung am Klavier. Die Komposition dieser Samples / »Splitter« erfolgte in einer intertextuellen Kompositionstechnik, die ich u.a. in meinem Aufsatz Neue Historische Musik (Seiltanz Heft 10 -2015) als ersten Entwicklungsschritt beschrieben habe, welcher sich heute weiter ausdifferenziert und erweitert hat. Materialquellen werden »gegen den Strich gelesen« und in einen Überlagerungskonflikt gebracht. Es entsteht ein komplexer und brüchiger Metatext zu einer Vielzahl ›gebündelter Spuren‹ (im Sinne Derridas); das Werk wird zur polyvalenten »chambre d´ echos« (Barthes), zu einem ›Labyrinth der Semantisierung‹.

In Æon splinter spielen auf zahlreichen strukturellen und assoziativen Ebenen Textzeilen der visionären Offenbarung des Johannes eine Rolle, welche auch die Bildwelt der Projektionen bestimmen. Diese reagieren auf die Klänge des ePlayer-Klavierstückes, indem bei einer Aufführung ein VJ die vorproduzierten Layer (nach Partitur) zur Musik mischt. Sie verdeutlichen den strukturellen Aufbau des Klavierstückes und erweitern metaphorisch den Aufführungsraum bzw. die pianistische Aufführungssituation.

Die Projektionen und das eingesandte Musikvideo zu Æon splinter entstanden 2017 in Eigenregie als mein erstes Artefakt in audiovisuellen Künsten. Dieses löste bei mir einen ästhetischen Prozess aus, der von diesem Ausgangspunkt aus weiter differenziert und verfeinert werden soll. Die technischen/qualitativen Mittel (Kamera, Schnittprogramm) waren in diesem Video noch minimal und spontan, jedoch war es stets das Ziel, diesen einfachen consumer-Produkten – im Sinne einer Demokratisierung der Mittel – in einer (fast) ›no-budget-Produktion‹ maximale künstlerische Möglichkeiten zu entlocken.
interpretenundort

Daniel Smutny: Komposition, Klavier und Video
Ole Jana: Klangassistenz und Aufnahmeleitung


biografie

Daniel Smutny. Geboren 1976, erste Preise für Komposition während der Schulzeit, nach dem Abitur Studium bei Hans Zender und Bernhard Kontarsky an der HfMDK Frankfurt. Auszeichnungen wie u.a. den Stuttgarter Kompositionspreis (1998, 2009), den BMW-Kompositionspreis der musica viva des BR, den Paul-Hindemith-Kompositionspreis des Schleswig-Holstein Musikfestivals 2013. Stipendiat zahlreicher Organisationen, wie etwa der Villa-Aurora Los-Angeles/Berlin und der Heinrich-Strobel-Stiftung des SWR. Werke wurden u.a. in der Dresdner Semperoper, der Staatsoper Stuttgart, dem Gewandhaus zu Leipzig, bei der Darmstädter Frühjahrstagung, den Donaueschinger Musiktagen, der musica viva des BR, der Musik der Zeit des WDR, dem Ultraschallfestival Berlin und den Schwetzinger Schlossfestspielen aufgeführt. Bedeutende Interpreten der Musik Daniel Smutnys sind das Klangforum Wien, das Ensemble Modern, das SWR-Vokalensemble, und –Symphonieorchester sowie das Piano-Duo Tal & Groethuysen.

2010 – 2012 kuratierte und leitete Daniel Smutny das Neue Festival für Musik »sinwald« beim MDR in Leipzig. 2011 hatte sein erstes Musiktheater »Ferne Nähe« als Auftragswerk der Ernst von Siemens Musikstiftung am Festspielhaus Hellerau Premiere.

Das Gesamtwerk ist bei den Internationalen Musikverlagen Hans Sikorski verlegt, beim Deutschen Musikrat erschien in der Reihe Edition Zeitgenössische Musik 2009 eine Portrait-CD.

Daniel Smutny lehrt an der Hochschule für Musik Detmold in den Fächern Komposition, Werkanalyse, Instrumentenkunde/Instrumentation sowie Zeitgenössische Musik.

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