Jelena Dabic: Der Riss – Musik für einen Bunker

Die Komposition stammt aus dem Musiktheater „Der Riss“ –  Musik für einen Bunker, das am 5.10.2017 im Tiefbunker am Hamburger Hauptbahnhof uraufgeführt wurde. Dabei handelt sich um eine Zusammenarbeit zwischen der Komponistin Jelena Dabic und Videokünstler David Schulz.

Mit dem „Riss“ wurde ein Werk geschaffen, das in einem realen, wie vom Libretto vorgesehenen Raum spielt, nämlich in einem Bunker, der mitten im zweiten Weltkrieg zwischen 1941 und 1944 für durchreisende Gäste unter dem Hauptbahnhof erbaut wurde. Das Musiktheater spielt am Schauplatz des wirklichen Geschehens.

Das Publikum steigt hinab in die Unterwelt, begibt sich in einen hermetischen Raum, der kein Fenster nach außen hat. Für die Insassen eines Bunkers ist die Welt draußen nicht sichtbar, sondern nur mehr fragmentarisch hörbar. Die Zuschauer erfahren durch diesen Ort die beklemmende Atmosphäre eines Bunkers am eigenen Leib. Sie sind genauso gefangen in den Betonwänden wie die „Insassen“, die Sänger*innen und Musiker*innen. Sie sind so physisch und emotional am Leben im Bunker beteiligt, überschreiten jedoch nicht die Grenze ihres Beobachterstatus. Treten sie ein in die Handlung, kennen sie zwar nicht alle Zusammenhänge, sind aber dennoch mitten im Geschehen, so dass sie vorübergehend in eine andere Realität eintauchen. Es ist eine Gegenwelt ohne Tageslicht und frische Luft. Sie fühlt sich nicht nur anders an, sie schmeckt und riecht anders. Feucht und kalt ist es in diesem Bunker, da es keine Heizung gibt. Der Geruch ist markant, modrig, an Verwesung gemahnend und kriecht einem unter die Haut, in jede Pore. Die Zuschauer sitzen und bewegen sich in den engen Räumlichkeiten und Fluren des Bunkers, es entsteht eine drängende Enge, so dass sie sich gezwungenermaßen sehr nah kommen, während sie das Geschehen beobachten.

Durch Videoprojektionen gelangt die „Außen-Welt“ (wo der Krieg herrscht) in das „Alltagsleben“ der Kellerinsassen. So entsteht vorübergehend eine andere Realität – die Fiktion – die eigentlich äußere Realität darstellt.

Aus der Realität wird Fiktion und aus Fiktion Realität. In einem Zusammenspiel von Video und dem Geschehen im Bunker erhält das Stück eine ganz eigene fiktionale Kraft und Intensität. Es entsteht ein Wechselspiel zwischen „Innen“ und „Außen“.

Das Innen trifft auf das Außen,  Abstraktion trifft auf Konkretheit. Was ergibt sich aus diesem Zusammenprall – im theatralischen wie im realen Sinne? Die Geschichten, die real sind, bekommen auf der realen Bühne eine „phantastische“ Wirkung.  Eine Interaktion zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Kurze Handlung des Musiktheaters

Menschen hausen zusammen in einem Bunker, während draußen der Krieg wütet. Die Akteure sind eine Frau, ihr Sohn, ihr Vater, die Nachbarin, ein Schleuser und eine Journalistin. Im ersten Akt wird ihr Leben im Bunker dargestellt und die zwischenmenschlichen Dramen, die der extremen Enge des Zusammenlebens geschuldet sind. Fressgelage. Eindruck von Normalität, dennoch liegt eine Überspanntheit in der Luft. Es wird sehr laut geredet, Witze gerissen, gefressen, gesoffen, gelacht und gesungen in den verschiedensten Sprachen. Wenn der Anklang von Hysterie nicht wäre und sich nicht gewisse Stereotypen und Rituale wiederholten, die stutzig machen, könnte man glauben, man wäre auf einer Familienfeier.  Währenddessen heulen die Sirenen, fallen die Bomben und Menschen sterben auf der Straße .Diese Absurdität ist der Kern für dieses Musiktheater.

Die zerschossenen menschlichen Bindungen spiegeln sich in einem zerstörten Lebensraum.

Es ist ein Leben im Untergrund. Immer wieder knallt die brutale Realität in die mühsam auf rechterhaltenen Rituale und schnell wird klar, dass dies alles nur ein Spiegel dessen ist, was sich in der Außenwelt abspielt. Hysterie schleicht sich in ritualisierte Abläufe, Langeweile führt zu Aggression, Konflikte brechen auf, der Kampf wird erbarmungslos weiter geführt und ergreift von allen Besitz.

Die Frau (Mutter) ist verzweifelt, weil sie ihre Tochter im Krieg verloren hat und kann das nicht akzeptieren. Sie ist verrückt geworden und ist in ihrer eigenen Realität verloren.

Arie der Mutter (Text)

Über Leichen stolpert mein Schritt.
Ein Schuss. Noch einer. Eine Kugel zischt an meinem Kopf vorbei. Ich will nur weiter.
Blut? Blut ist überall.
 Ich renne. Flammen fegen durch die Straßen. Es ist so heiß. Es brennt. Es brennt! Ein Haus. Und noch eines. Unseres! Ich renne, ich renne weiter.
Will hinein, nur noch hinein. Sie!
Ich seh sie dort. Im Fenster. Ich seh sie genau. Dann springt sie. Eine Lohe. Sie fliegt, die Arme ausgebreitet.
Meine Tochter. 
Nur noch Asche. Meine Tochter! Stasia.

Biografie:

In ihren über 40 Kompositionen, die international aufgeführten wurden, hat Jelena Dabic alle Gattungen erkundet, wobei Musiktheater im Fokus Ihrer künstlerischen Arbeit steht. Ihre Oper „SpiegelSpiel“, nach einem Libretto von Micaela von Marcard, wurde bei der Münchener Biennale 2010 uraufgeführt und zur Zeit arbeitet sin an Musiktheaterprojen wie „Der Riss“- Musik für einen Bunker, die an Orten aufgeführt werden, an denen die Handlung spielt. Neben ihrer kompositorischen Arbeit, leitet Jelena Dabic die Konzertreihe „fresh::sounds – seidenstrasse“.

www.jelenadabic.com | www.silkroad-festival.com | www. coolturconnect.com

David Schulz studierte Film und Freie Kunst bei Matt Mullican an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg. Seine Arbeiten umfassen Filmisch Inszenierte Arbeiten mit Schauspielern, Zeichnung und Animationsfilm. Die in den letzten Jahren enstanden Videoinstallationen, bei denen die Grenzen zwischen dem filmischen Raum und der Äusseren Realität verwischen, waren international in vielen Gruppen- und Einzelausstellungen zu sehen. Er lebt und arbeitet als freier Künstler und Filmemacher in Hamburg.

Interpreten und Ort:

  • Jelena Dabic- Konzept, Komposition
  • David Schulz- Video
  • Pia Salome Bohnert – Sopran
  • Violine: Maurice Pascal Mustatea
  • Saxophon: Vlatko Kučan
  • Schlagzeug: Lin Chen
  • Kontrabass: Tair Turganov

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