Malte Giesen: lowest common denominator

Beschreibung:

Das zentrale visuelle Element dieses Stücks ist die Einbindung eines Live-Video-Parts quasi als eigene “instrumentale” Stimme, ausgeführt durch einen Performer mit einer Webcam. Die Kamerabewegungen, Ausschnitte und Dauern sind in einer eigenen Stimme notiert. Durch die dabei entstehende visuelle Verdoppelung und auch Feedback wird einerseits eine visuelle Übersetzung von Reflexivität erzeugt, andererseits konkret Bezug genommen auf die musikalische Thematik:

1984 war in der Superhitparade der Volksmusik im deutschen Fernsehen erstmals der Schlager „Fichtl’s Lied“ [sic!] von den Woodys zu hören und zu sehen. Zwei Typen in Tracht spielen relativ schlecht synchronisiert auf billigen Plastik-Imitat-Instrumenten und singen über kleine Waldbewohner, die sich durch die Umweltverschmutzung bedroht fühlen. Dazu ein gruselig aufgesetztes Grinsen und fragwürdig gestaltete kleine Stofffiguren: die „Fichtl“.

Etwa 30 Jahre später erlangte dieses Video wieder größere Aufmerksamkeit, als es durch Youtube zu einem skurrilen Click-Hit wurde und unter anderem auf Platz 4 der schlechtesten Musikvideos aller Zeiten landete. Die ästhetischen Mittel des Liedes und des Videos wurden also ein paar Jahrzehnte später schon völlig anders interpretiert: Die Kombination von mahnendem Umweltschutz und Heile-Welt-Ästhetik, das Grinsen, die für heutige Verhältnisse billig hoch gepitchten Stimmen, das alles liest sich nun als eher böse Satire, denn „ernst“ gemeinte eingängige Schlagermusik. Hier zeigt sich exemplarisch, wie sich extrinsische und intrinsische Sinnhaftigkeit zueinander verhalten: Das künstlerisch Populäre misst sich fast ausschließlich an seinem äußeren Zusammenhang mit der Welt, dieser ändert sich ständig und schnell. Das Unpopuläre sucht nach intrinsischer Logik, deshalb ist es unpopulär, auch daher der Vorwurf der Selbstreferenzialität.

Das Ziel dieser Arbeit könnte man daher vielleicht so formulieren: Das Selbstreferenzielle im Populären finden, die Künstlichkeit (und Beliebigkeit?) ästhetischer Mittel freilegen und bewusst machen, das Gegenteil also vom dem, was der Schlager will.

So erklärt sich auch der Titel: Schlager sind politische Durchhalteparolen auf dem kleinsten gemeinsamen musikalischen Nenner.

Link zum Original-Video

Biografie des Autors:

Malte Giesen studierte Komposition/Computermusik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart bei Marco Stroppa und Oliver Schneller, es folgten weitere Studien am CNSM Paris bei Gérard Pesson und bei Hanspeter Kyburz und elektroakustische Musik bei Wolfgang Heiniger an der HfM Berlin.
Er unterrichtet zeitgenössische Improvisation an der HfM Karlsruhe und elektroakustische Musik an der HfM Berlin.

Er erhielt u.a. den 1. Preis des deutschen Musikwettbewerbs Komposition 2009, einen Preis des Meisterkurses Orchesterkomposition des SWR 2012, den Carl von Ossietzky-Preis der Stadt Oldenburg 2016, Neue Szenen III der Deutschen Oper Berlin und den 2. Preis des Stuttgarter Kompositionspreises 2017.
Er erhielt Stipendien durch den Verein der Freunde der HfMDK Stuttgart, der Oscar und Vera Ritter-Stiftung, den Förderverein der HfM Berlin sowie das Elsa-Neumann-Stipendium des Landes Berlin.

Zahlreiche Aufführungen im In- und Ausland, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem RSO Stuttgart, Decoder Ensemble, oh-ton Ensemble, Sonar Quartett, Quatuor Diotima, Sonic.Art Saxophon-Quartett, Ensemble Ascolta, Ensemble recherche, Ensemble mosaik, Ensemble adapter, l’instant donnée, Ensemble Kuraia, Neue Vocalsolisten Stuttgart, Ardey Saxophon-Quartett, Namascae Lemanic Modern Ensemble, SUONO MOBILE global auf diversen Festivals, u.a. Donaueschinger Musiktage, ECLAT Stuttgart, Wien Modern, Klangwerkstatt Berlin, AchtBrücken Köln, Ars Nova Rottweil, blurred edges Hamburg und den Wittener Tagen für neue Kammermusik.

Interpreten und Ort:

Decoder – Ensemble für aktuelle Musik, 02.09.2017 im Resonanzraum, Bunker an der Feldstraße, Hamburg